St.
Petersburg. Russland ganz auf eigene Faust entdecken, geht das überhaupt?
Ingrid und Bernd Malden aus St. Petersburg fuhren im Herbst mit ihrem
Allrad-Campingmobil 4500 Kilometer kreuz und quer durchs nördliche Zentralrussland
- oft abseits der Hauptstraßen, ohne Ärger und Probleme, von einer alten
Stadt zur nächsten. Hier ihr Reisebericht.
Mitte August fahren wir los mit unserem Bremach Camper. Wir packen hauptsächlich
Sommersachen ein und wenig Vorräte, weil man auch auf dem flachen Land
in Russland mittlerweile überall das Notwendigste bekommt. Schon 100
Kilometer nach St. Petersburg der erste Schreck: Wir übersehen auf der
Fernstraße nach Moskau eine Bodenwelle und mit 80 km/h heben alle vier
Räder gleichzeitig ab. Nach dem anschließenden Fahrzeugcheck können wir
aber weiterfahren. Auch die Fahrräder am Heck sind noch da, wo sie hingehören.
Zuerst geht es nach Nowgorod, was wir uns aber nicht weiter ansehen,
weil wir von Petersburg aus sowieso noch mal über ein verlängertes Wochenende
dahin wollen. Wir besichtigen nur den deutschen Soldatenfriedhof. Der
interessiert uns, weil der Bundespräsident kurz danach auch nach Nowgorod
reist und der Friedhof auf dem Besuchsprogramm steht. Wir übernachten
bei Bekannten, die in Staraja Russa ein altes Holzhaus haben.
Am nächsten Tag fahren wir mit unseren Gastgebern über Korpowo bei Demjansk,
einem weiteren großen Soldatenfriedhof, zur Wolgaquelle. Durch die Trockenheit
der letzten Monate ist die Quelle allerdings fast ausgetrocknet und man
kann sich kaum vorstellen, wie aus diesem Rinnsal mal ein riesiger Fluss
werden soll. Der Platz ist aber schön zum Übernachten und so bleiben
wir gleich da. Unsere Freunde verabschieden sich, ab jetzt fahren wir
alleine weiter. Als Navigationsunterlagen dienen ein paar russische Straßenkarten
und ein deutscher Reiseführer, der uns sehr geholfen hat: „Altrussische
Städte“ von Hapke und Scheer, Trescher-Reihe Reisen.
Über den Seliger-See
und Rschew geht es Richtung Twer, von da nach Uglitsch an der oberen
Wolga, wo unser eigentliches „Programm“, nämlich das Anschauen alter
russischer Städte und der dort vorhandenen Baukunst, beginnt.
Wir sind hier schon ziemlich weit ab vom Schuss und die Orientierung
ist nicht immer einfach. Unsere neu gekauften Karten, immerhin im Maßstab
1:750.000, zeigen Straßen und Orte, die wir nicht finden und umgekehrt
kommen wir durch Gegenden, die in den Karten nicht eingezeichnet sind.
Einfache Leute auf der Straße nach dem Weg zu fragen, ist ziemlich sinnlos,
die können auch nicht helfen. Am besten kennen sich Busfahrer aus, aber
man findet natürlich nicht immer sofort einen.
Bei einer kurzen Rast irgendwo weitab von jeder Behausung stoppt ein
riesiger Tieflader neben uns. Der Fahrer ist froh, uns getroffen zu haben,
denn er hat sich total verfahren! Er hat keine Karte dabei und kennt
nur den Ortsnamen, wo er hin soll. Das ist aber offensichtlich eine völlig
andere Richtung. Mit Hilfe unserer unzulänglichen Karte bringen wir ihn
dann hoffentlich auf den richtigen Weg. Er muss viele Kilometer in der
selben Richtung zurückfahren, aus der er gekommen ist.
Anfangs verbringen wir ziemlich viel Zeit damit, einen geeigneten Platz
für die Nacht zu finden. Es gibt ja keine Infrastruktur für Wohnmobile
in Russland, da muss man sich selber helfen. Der Platz soll weit genug
von jeder Besiedlung liegen, um eventuellen unerwünschten Besuch zu vermeiden,
aber trotzdem landschaftlich ansprechend sein. Wir merken später, dass
wir gar nicht so kritisch zu sein brauchen. Zum einen wird es schon früh
dunkel, sodass sich die Landbevölkerung gegen 6 Uhr abends in ihre Isbas
und Kolchosen zurückzieht und zum anderen werden wir wirklich nie behelligt,
außer einmal in einer windigen Nacht an der mittleren Wolga – siehe unten.
Über Borissoglebski und Rostow Weliki geht es nach Pereslawl-Salesski.
Das sind schon Orte, die zum eigentlichen „Goldenen Ring“ gehören, alles
uralte Städte mit sehenswerten Kirchen und Klöstern. In der Maria-Entschlafens-Kathedrale
des Goriskij-Klosters hören wir einem Mönchschor zu. Beeindruckend ist
die Christi-Verklärungs-Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert. Alexander
Newskij, der berühmte Fürst und Feldherr, kam in diesem Ensemble 1220
zur Welt.
Einmal werden wir abends zum Tee in eine Familie eingeladen, weil wir
unseren Bremach in der Nähe parken und man natürlich auf uns aufmerksam
wird. Die Leute sind wohlhabende Moskauer, die ihr Sommerhaus am See
nur während einiger Monate bewohnen. Wir haben eine sehr interessante
Unterhaltung und das Kaminfeuer und ein Glas Wodka wärmen uns angenehm.
Apropos Wärme: wir sind bei warmen Sommerwettter losgefahren und haben
auf Grund des schönen langen Sommers glatt vergessen, auch ein paar Sachen
für kühlere Tage einzupacken. Schon wenige Tage nach der Abfahrt wird
es nachts aber so kalt, dass wir die Diesel-Heizung anstellen müssen.
Später stellen wir sie dann kaum mehr ab.
Den ersten und auf unserer ganzen Reise einzigen Touristenrummel erleben
wir in Sergijew Posad in der Nähe von Moskau. Das ist nichts für uns
und wir treten trotz der beeindruckenden Bauten alsbald die Weiterfahrt
an.
Auf dem Wege nach Jurjew-Polski verfahren wir uns in Alexandrow und kommen
durch Zufall an einer sehr schönen Klosteranlage vorbei, die in unserem
Reiseführer nicht erwähnt ist. Der Besuch kostet uns allerdings die beiden
vorderen Lampen unserer Fahrräder, die hatte jemand in der Zwischenzeit
fein säuberlich abmontiert.
Auch in Jurjew-Polski kommen wir in den Genuss eines Besuchs bei einer
Familie. Wir stehen an einem schmalen Fluss vor einem offenbar unbewohnten,
ziemlich verfallenen Haus, als uns ein älterer Mann anspricht. Er hat
das Haus bei einem Saufgelage mit Freunden geschenkt bekommen und macht
sich nun daran, die Hütte wieder herzurichten. Er zeigt uns jede Einzelheit.
Unglaublich, wie diese Russen improvisieren können! Gennadi wohnt mit
seiner Familie ein paar Häuser weiter und lädt uns spontan zum Abendessen
ein. Es wird noch ein sehr gemütlicher Abend. Weil der Strom ausfällt,
werden Kerzen angezündet. Gennadi versorgt sich wie der Großteil der
Bevölkerung auf dem Lande und in den kleineren Städten selber. Im Garten
wachsen Kartoffeln, Kohl, Möhren, Zwiebeln und Grünzeug, ein paar Apfelbäume
sorgen für die Vitamine. Bei der Abfahrt am nächsten Morgen kommt er
noch mit Taschen voller Obst und Gemüse für uns an. Schließlich haben
wir noch eine weite Reise vor uns und wir sollen doch nicht hungern!
Von den Kartoffeln leben wir bis zum Schluss der Reise.
Ein Highlight unserer Reise ist Susdal – unter den kleineren Orten, die
wir besuchen, sicher der lohnendste. Selbst die Sowjetmacht, die rücksichtslos
Kirchen und Klöster beseitigt oder als Lagerhallen und Werkstätten missbraucht
hat, konnte die besondere Atmosphäre dieses Ortes nicht zerstören. Losung
aus dem Jahre 1927: „Alle Glocken in den Industrialisierungsfonds!“
Wir wohnen in unserem Camper auf einem etwas außerhalb gelegenen bewachten
Hotelparkplatz. Das ist sehr praktisch, denn nun können wir unbesorgt
Susdal zu Fuß und mit unseren Rädern erkunden. Es gibt dort alleine fünf
Stätten, die die UNESCO zum Weltkulturerbe zählt, und man weiß gar nicht,
wo man mit dem Besichtigen anfangen soll.
Das Pokrowski-Kloster, in dem früher vor allem adlige Damen lebten, deren
Ehemänner ihre Frauen loswerden wollten (Scheidungen gab es damals nicht),
weist heute neben den restaurierten Sakralbauten kleine Blockhäuser für
Touristen und eine Sauna auf. Die buchen wir denn gleich mal für zwei
Stunden.
Fünf Tage bleiben wir in Susdal. Besonders beeindruckt sind wir vom Jefimow-Kloster,
das jetzt größtenteils Museum ist. Die früheren Mönchszellen wurden in
der Stalin-Zeit als Straflager für politische Gefangene genutzt. Schon
die Terminologie läßt einen erschauern (Filtrazijonni Lager, Polit-Isolator).
Während des 2. Weltkrieges diente das Kloster als Lager für deutsche
Kriegsgefangene. Generalfeldmarschall Paulus, einer der Überlebenden
von Stalingrad, wurde hier gefangengehalten. Die Ausstellung ist sehenswert.
Unsere Fahrräder kommen hier richtig zum Einsatz. Mit unseren Helmen
und der bunten Sportbekleidung kommen wir uns allerdings ziemlich exotisch
vor. Gott sei Dank finde ich Ingrids Fahrradhandschuhe wieder, die sie
auf einer kleinen Straße ein paar Stunden zuvor verloren hat.
Über Wladimir
und das nahegelegene Bogoljubowo, wo wir fast neben der berühmten Maria-Schutz-an-der-Nerl-Kirche
aus dem 12. Jahrhundert an der Kljasma campen und eine zweitägige Pause
in der Natur einschließlich Baden im sauberen Fluß einlegen, geht es
weiter Richtung Kolomna. Die Wald- und Torfbrände nach der monatelangen
Trockenheit verschlechtern leider sehr die Sicht.
Einmal mehr führt uns unsere Karte in die Irre. Die Landstraße endet
plötzlich und ohne Vorwarnung an einer T-Kreuzung. Rechts geht es in
einen Steinbruch mit riesigen Kipplastern, links zu einer kolossalen
Industrieanlage mit dem schönen Namen „Zem-Gigant“ (Zement) und einem
Verbotsschild für alle nicht betriebsangehörigen Fahrzeuge.
Also etliche Kilometer zurück. Da es schon Abend ist, entscheiden wir
uns nach einigem hin und her für einen offenbar ruhigen Platz weit abseits
der Straße in einem Waldstück. Dach hoch, ein Bier zur Erfrischung, Deutsche
Welle an, Abendessen vorbereiten. Da fängt es an zu grollen und zu donnern
und hört nicht mehr auf. Wir stehen nur wenige Meter von einer Schlucht
entfernt, durch die fast pausenlos endlose Güterzüge rumpeln und einen
Lärm verursachen, dass wir kaum unser eigenes Wort verstehen. Bestimmt
wollen die alle zum „Zem-Giganten“.
Also Dach einklappen, wieder alles verstauen, die zwei Kilometer zurück
über den staubigen Feldweg und einen leiseren Platz suchen. Zum Glück
ist Russland ja groß und wir kommen doch noch zu unserem idyllischen
Plätzchen, bevor es ganz dunkel wird.
Über Kolomna am Zusammenfluss von Moskwa und Oka mit seinem Kreml und
Klöstern geht es zum Dorf Konstantinowo, dem Geburtsort von Sergej Jesenin,
den Russland als einen seiner bedeutendsten Dichter verehrt. Dieser hat
seinem jungen Leben bekanntlich im Alter von 29 Jahren im Petersburger
Hotel Angleterre mittels einer Rasierklinge ein frühes Ende bereitet
und sein letztes Gedicht mit Blut an die Wand des Hotelzimmers geschrieben.
In Rjasan
übernachten wir mitten in der Stadt gleich neben der Heiliggeist-Kirche
hinter dem Kreml. Eine plötzlich auftauchende Polizeistreife mit vorgehaltener
MP fragt mich, wer wir sind und was wir hier machen. Unser harmloses
Aussehen, die Fahrräder am Heck und eine grüne deutsche Mülltüte an der
vorderen Stoßstange überzeugen die Staatsgewalt, dass wir keine Gefahr
für die öffentliche Ordnung Russlands darstellen und sie lassen uns in
Ruhe.
Abends genehmigen wir uns für je 20 Rubel eine Tour auf einem kleinen
Ausflugsboot. Die russische Dudelmusik animiert die Passagiere zum Tanz
und auch wir müssen mitmachen. Es wird noch ganz lustig. Während die
anderen Passagiere nach der Tour noch wer weiß wo hin müssen, steht unser
Bremach nur fünf Minuten von der Anlegestelle entfernt und wir machen
uns noch einen schönen Abend.
Auch in Rjasan, dem südlichsten Punkt unserer Reise, gibt es Orientierungsprobleme.
Die Straße nach Murom, unserem nächsten Ziel, ist in der Karte als große
Ausfallstraße mit Brücke über die Oka eingezeichnet. Trotzdem brauchen
wir mangels Beschilderung ungefähr eine Stunde, bis wir sie finden. Der
Trick war, eine wegen Bauarbeiten an sich gesperrte Straße zu benutzen.
Diesen Tip gab uns die Verkehrspolizei.
Murom erinnert uns am meisten an vergangene Sowjetzeiten. Die Stadt war
wegen ihrer Rüstungsbetriebe jahrzehntelang auch für Sowjetbürger gesperrt,
die hier nicht wohnten. Irgendwie merkt man das heute noch. Selbst im
Maria-Verkündigungs-Kloster ist man sehr reserviert und als Radfahrer
werden wir von der Bevölkerung mit Überraschung zur Kenntnis genommen.
Sonntags geht es gegen Abend Richtung Nischnij Nowgorod, der drittgrößten
Stadt Russlands. Der Verkehr wird dichter, hektischer und rücksichtsloser,
die Wochenendausflügler kehren heim. Zahlreiche von den Angehörigen entlang
der Straße privat errichtete kleine Kreuze oder Erinnerungsmale zeugen
von den vielen schweren Unfällen. Sie mahnen uns zu besonderer Vorsicht.
An einem Kreisverkehr gibt es ein kleines Mahnmal mit zerquetschtem Motorradhelm.
Wir halten an und besichtigen es: Die Aufschrift lautet „pjanny“ (betrunken).
In Nishnij Nowgorod werden wir, da wir keinen vernünftigen Stellplatz
im Zentrum finden, unserem Bremach untreu und ziehen für ein paar Tage
in das Hotel „Nishegorodskaja“. Dort ist noch alles sehr sowjetisch,
von der Deschurnaja (Etagenfrau) bis zur Ausstattung und dem Geruch des
Zimmers, die Preise sind dafür allerdings akzeptabel.
Es wird kalt und wir ziehen uns alles an, was wir haben. Tagsüber viel
Programm, es gibt eine Menge zu sehen, abends ins Kino. Durch Zufall
kommen wir am „Orlenok“ vorbei, wo das Goethe-Institut Moskau klassische
deutsche Stummfilme mit moderner Musikbegleitung zeigt. Wir sehen uns
„Berlin“ von 1927 und „Nosferatu“, ein Gruselfilm von 1921 an. Beide
Filme finden viel Anklang beim überwiegend studentischen Publikum, besonderen
Applaus bekommen die Elektronik-Musiker für ihre Untermalung.
Im Verkaufsladen des Blagoweschenski-Klosters, gleich unterhalb des Hotels,
kaufen wir Brot, angeblich das beste in der Stadt. Es ist wirklich gut
und ofenfrisch. Die Oma, die uns bedient, spricht gleich deutsch mit
uns. Von einem Markt holen wir uns mittags ein paar gut aussehende heiße
Piroggen, die aber leider gar nicht unserem Geschmack entsprechen. Ich
verschenke sie an eine alte Bettlerin, die sich sogleich mit Genuss ans
Verzehren macht. Auf den Spuren Gorkis finden wir auch das Nachtasyl
für Obdachlose, das ihm als Vorlage für eins seiner Dramen diente.
Dem Bremach gönnen wir in einer Werkstatt etwas Fett für seine Schmiernippel
und eine Wagenwäsche. Die Fahrräder werden gleich mitgewaschen, sie haben
es nötig.
Von nun an geht es wolgaaufwärts. Die Landschaft wird hügelig und abwechslungsreich.
Wir finden einen besonders schönen Platz in einem Wäldchen direkt über
dem Fluss, der hier gestaut mehrere Kilometer breit ist. Schubschiffe
fahren im Schneckentempo an uns vorbei.
In einer kleinen Stadt ergänzen wir unsere Vorräte. Die Lebensmittelpreise
sind hier, weitab von jedem Zentrum, geradezu lächerlich. An einem Marktstand
bezahlen wir für je ein Kilo Äpfel, Tomaten und ein großes Bund Radieschen
zusammen 9 Rubel (0,29 Euro). Und am nächsten Tag werden wir in einer
Stolowaja (Kantine), der einzigen Beköstigungsmöglichkeit in einer anderen
Stadt, für 25 Rubel (0,80 Euro) beide warm und satt. Das schont die Reisekasse.
Weiter soll es nach Pljoss gehen, ein kleines Städtchen, das durch die
Wandermaler Levitan und Stepanow Ende des 19. Jahrhunderts eine gewisse
Berühmtheit erlangt hat. In Kineschma müssen wir uns entscheiden: entweder
nach links über diverse Hauptstraßen Richtung Iwanowo, was zwar gut befahrbar,
aber sehr weit aussieht, oder, viel kürzer, über die Wolga-Brücke, auf
Nebenstraßen am Ufer entlang und ganz in der Nähe von Pljoss über die
nächste Brücke ans rechte Wolgaufer zurück.
Wir entscheiden uns für die zweite Variante und suchen die Brücke, die
in unserer Karte dick eingezeichnet ist. Nach einigem Verfahren und dem
üblichen Befragen der Bevölkerung kommen wir in einen Baustellenbereich.
Da sehen wir die Brücke – ungefähr halb fertig. Auf die Frage, wann das
Bauwerk denn wohl vollendet sein wird, antwortet ein Bauarbeiter, das
dürfte wohl noch ein paar Jahre dauern. So lange wollen wir nun nicht
warten. Er empfiehlt uns eine Fähre, die auch Autos mitnimmt. Über einen
Feldweg und einen Betriebshof gelangen wir nach längerem Suchen auch
dort hin – es gibt natürlich keine Schilder. Immerhin kommen wir aber
mit.
Auf der anderen Seite wird die „Nebenstraße“ schnell zur Sandpiste, die
bald in mehreren Spuren verläuft. Wir orientieren uns am Sonnenstand
und folgen in einigem Abstand der Staubfahne eines vor uns fahrenden
Omnibusses. Irgendwie verschwindet der Bus plötzlich und wir stehen mitten
in einer Kiesgrube. Was nun? Der freundliche Fahrer eines riesigen Muldenkippers
stellt seine Arbeit ein und lotst uns aus dem Pistengewirr wieder heraus.
Angekommen an der Stelle gegenüber Pljoss stellen wir fest, dass es weder
die erwartete Brücke noch einen Fährdienst gibt. Den gab es mal, aber
der Anleger ist vor 4 Jahren abgebrannt. Wir hätten wohl jemand mit einem
Ruderboot anheuern können, aber den Bremach wollen wir nicht zurücklassen.
Also weiter stromaufwärts. Es wird dunkel und wir entscheiden uns für
einen abgelegenen Platz in einem Wald direkt am Fluss. Irgendwie ist
dort alles schief und wir müssen eine Weile rangieren, bis wir mit Hilfe
unserer Unterlegkeile gerade stehen. Keine Menschenseele ist zu sehen,
nur das Tuckern der Frachtschiffe hört man gelegentlich. Es ist kalt
und windig und wir verkriechen uns bald in unsere Schlafsäcke.
Plötzlich bollert es gegen die Kabine. Ich schrecke aus dem ersten Schlaf
auf. Da fragt uns doch tatsächlich eine männliche Stimme nach dem Weg
zum nächsten Ort! Ich reagiere unwirsch, der Mensch merkt, dass er mit
uns nicht ins Gespräch kommt und trollt sich. Mit dem Schlaf ist es bei
mir aber erst mal vorbei.
Am nächsten
Morgen Weiterfahrt nach Krasnoje-na-Wolge und Suche nach einer anderen
Fähre. Wir haben Glück. Nachdem das Boot, wie uns die Leute erzählen,
2 Monate wegen eines Schadens nicht fahren konnte, verkehrt es heute
zum ersten mal wieder. Wir fahren mit, rollen zufrieden in Pljoss ein
und wandeln auf den Spuren der berühmten Maler. Wir finden sogar Levitans
„Birkenhain“, ein Bild, mit dem er den Durchbruch geschafft hat und beschließen
sogleich, in diesem Wäldchen, das vor über hundert Jahren wohl auch nicht
viel anders aussah als heute, zu übernachten.
Kostroma ist unser nächstes Ziel. Zwei Nächte bleiben wir an diesem schönen
Ort, dessen Ipatjew-Kloster sich wohl alle Wolgatouristen ansehen. Vor
der Auferstehungskirche im Walde segnet ein Pope ein Auto mit Weihwasser.
Wir gehen mal wieder in ein Internet-Cafe, um unsere Mails zu Hause abzurufen
und ein Lebenszeichen von uns abzugeben.
Eine makabre Ausstellung von Wachsfiguren aus St. Petersburg weckt unser
Interesse. Menschen mit Haut- und Raucherkrankheiten sind da zu sehen,
ein Elektriker im Moment eines Hochspannungsstoßes, ein Fräser mit einem
Metallstück in der Stirn, eine Gebärende beim Kaiserschnitt usw. Wir
trinken anschließend einen Schnaps. Das Schloss der Beifahrertür ist
plötzlich defekt und wir müssen eine Werkstatt suchen.
Jetzt ist Jaroslawl nicht mehr weit. Es ist kalt, und immer wieder regnet
es. Trotzdem klettern wir auf den Glockenturm des Spasso-Preobrashenskij-Klosters
und genießen eine tolle Aussicht auf die uralte Stadt mit ihrem vielen
Grün und unzähligen Kirchen. Da die Schloss-Reparatur von Kostroma nicht
von Dauer war, müssen wir noch mal in eine Werkstatt. Nachdem alles aus-
und wieder eingebaut wurde, erklärt man uns, den Schaden leider nicht
beheben zu können. Wir können nur noch die Fahrertür von außen öffnen.
Da wir ohnehin schon am Stadtrand sind, entschließen wir uns, außerhalb
der Stadt zu übernachten.
Wir biegen wie üblich von der Straße ab in einen allerdings sehr holperigen
und seitlich abschüssigen Feldweg. Ungefähr ein Kilometer von der Straße
entfernt parken wir neben einem abgeernteten Kornfeld. Kaum haben wir
uns eingerichtet, fängt es an zu regnen. Zuerst leicht, dann stärker,
und es hört nicht mehr auf. Am nächsten Morgen klettere ich heraus und
klebe mit meinen Schuhen fast im Morast fest. Der am Abend noch gut befahrbare
Weg hat sich in eine grundlose Masse verwandelt. Egal, wir wollen zurück
nach Jaroslawl. Allrad rein, Untersetzung rein, und ab gehts. Schlingernd
und rutschend komme ich vorwärts. Am besten geht es auf dem Kornfeld,
das wir aber bald verlassen müssen. Und dann kommt das schwierigste Stück:
der abschüssige Weg endet links in einer tiefen Mulde. Wenn wir da hineingeraten,
ist Schluss. Alleine kommen wir da bei diesem Wetter nicht mehr heraus.
Und weit und breit keine Menschenseele. Ich halte an, entscheide mich
für die offenbar griffigste Variante – und komme durch. Die Straße ist
in Sichtweite.
Wir atmen auf, der Puls ist leicht erhöht. Hinterher mache ich mir Vorwürfe.
Das hätte schief gehen können. Es wäre zwar eine Sauarbeit gewesen, aber
wir hätten das gefährlich schräge Stück mit Ästen, Steinen und dem Klappspaten
zumindest so entschärfen können, dass es keinen seitlichen Verrutscher
geben konnte. Beim nächsten Mal werden wir vorsichtiger sein. Man soll
sein Glück nicht überstrapazieren.
Trotz des schlechten Wetters sehen wir uns Jaroslawl an. Unser Reiseführer
listet alleine für diese Stadt ungefähr 20 Sehenswürdigkeiten auf. Am
Nachmittag haben wir aber genug und besuchen erst mal frierend und durchnässt
eine Sauna. Wir finden wieder einen ruhig gelegenen bewachten Parkplatz
mitten im Zentrum, auf dem wir zwei Nächte bleiben. Alles Sehenswerte
lässt sich von hier aus prima zu Fuß erreichen. Die Elias-Kirche gefällt
uns besonders gut.
Auf dem Wege nach Wologda fahren wir noch beim Tolgski-Nonnenkloster
vorbei. Es wurde nach der Rückgabe an die Kirche 1987 komplett restauriert
und macht auf uns einen hervorragenden Eindruck. Eine Fotoausstellung
zeigt den deprimierenden Zustand vor der Renovierung. Während der Sowjetzeit
war hier ein Jugendgefängnis untergebracht. Eine Nonne verkauft klostereigenen
Honig und Mineralwasser an die Besucher.
In Wologda
müssen wir uns wieder entscheiden, wie wir nach Hause fahren – entweder
westlich die direkte Fernstraße über Tichwin oder die nördliche Strecke
über „Nebenstraßen“ nach Wyterga. Da unsere Reiselust auch nach fünf
Wochen ungebrochen ist und wir noch etwas Zeit haben, entscheiden wir
uns für die längere Strecke. Diese lohnt sich, weil sie landschaftlich
sehr reizvoll ist. Besonders gefällt uns die Strecke entlang des Indomanka-Flusses.
Mit der Herbstfärbung erinnert die Gegend ein wenig an New England.
Sogar einen Berg besteigen wir im strömenden Regen – der Maura ist mit
seinen 85 Metern die höchste Erhebung des Nationalparks „Russkij Sewer“
(Russischer Norden) in der Nähe von Kirillow. Wir sehen uns dort die
riesige Anlage des Kirillow-Beloserski-Klosters mit den doppelstöckigen
Wehrgängen an. Hier wird es noch lange bis zum Abschluss der Renovierung
dauern. Ein Stück daneben entdecken wir eine Lkw-Werkstatt, die in einer
ehemaligen Kirche untergebracht ist.
Wir haben den 22. September. Natürlich wollen wir am Abend über Kurzwelle
die Wahlergebnisse aus Deutschland verfolgen. Wir sind schon sehr gespannt.
Aber ausgerechnet heute finden wir irgendwie keinen Platz, der uns zusagt,
und es ist schon spät. Schließlich entscheiden wir uns für einen Parkplatz
in der Nähe einer Straße. Bevor wir uns einrichten, kommt mir die Idee,
das KW-Radio auf Empfang zu testen, denn ganz in der Nähe sehe ich einen
Sendemast.
Prompt stört dieser Mast und ich bekomme die Deutsche Welle nur mit Quietschen
und Jaulen herein. So kann man doch keine Wahlparty veranstalten! Also
nichts wie weg. Ein paar Kilometer weiter ist der Empfang wieder gewohnt
gut und wir finden sogar noch auf die Schnelle einen schönen Platz am
Rande einer großen Wiese mit Fernsicht auf einen See. Es gibt Spaghetti
und Glühwein und es wird noch eine lange und spannende Nacht am Radio.
Die Weiterfahrt nach Norden gestaltet sich schwierig. Der Asphalt hört
auf und die regendurchweichte, schlaglochübersäte Trasse wechselt zwischen
Sand und Schlamm. Mehr als 30 km/h sind beim besten Willen nicht drin
und eigentlich zu schnell. Dieser Landstrich ist einsam, wir sehen den
ganzen Tag kaum Menschen, geschweige denn andere Fahrzeuge.
Wir überqueren
wieder mit einer Fähre den Wolgo-Baltijski-Kanal. Später übernachten
wir direkt an dieser eindrucksvollen Wasserstraße, die Petersburg über
den Ladoga- und Onega-See mit Moskau sowie Wolga und Don verbindet, in
einem Kiefernwald. Der Himmel reißt auf, wir stehen nachts bei Vollmond
auf dem Steilufer und beobachten die leise vorbeirauschenden Frachtschiffe
– ein Panorama wie aus dem Bilderbuch.
Die Rüttelpiste geht noch weit bis ins Leningrader Gebiet hinein – erst
kurz vor Lodejnoje Pole, fast schon am Ladogasee, haben wir wieder Asphalt
unter den Rädern. Eine letzte Übernachtung, noch eine Festungsbesichtigung
in Staraja Ladoga, und wir sind wieder zu Hause.
Fazit: Knapp sechs Wochen unterwegs gewesen, 4500 Kilometer gefahren
und nur einen kleinen Teil dieses Riesenlandes gesehen. Ob wir zufrieden
sind? Keine Frage, bestimmt fahren wir nächstes Jahr wieder durch Russland.
Text und Fotos: Bernd Malden |